Montag, Juli 17, 2006

Arm und Reich

Am Samstag habe ich Juan in seinem Stadtteil "Cerro Navia" besucht.
Das ist eine "población" (ein Armutsviertel). Das hat mich echt nachdenklich gemacht...

Den Sonntag davor war ich ja mit Marlis in "Lo Barnechea"- dem reichsten Stadtviertel Santiagos. Die Unterschiede zwischen arm und reich sind echt krass:
Im reichen Viertel ist es totenstill. Es spielen keine Kinder auf der Strasse. Es ist niemand zu sehen. Nur Security-Autos fahren durch die Gegend. Die Häuser sind Paläste, geschützt mit riesigen Zäunen, die Bewohner haben mindestens zwei Autos und ihren eigenen Wachmann. Irgendwie fühlt man sich in dieser Wohngegend nicht wohl. Ein Leben in ständiger Angst und dazu noch einsam und isoliert von der Außenwelt...

In Cerro Navia ein ganz anderes Bild: kleine, heruntergekommene Häuser, riesige Löcher in den Straßen- aber es gibt dort Leben und Gemeinschaft!
Juan selbst wohnt im Hinterhof einer Familie in einem kleinen Verschlag. Für uns wäre das ein Fahrradschuppen! Er muss seine Wäsche mit der Hand waschen und teilt sich Küche und Bad mit einer Familie, die im Haus vor ihm wohnt. Als ich seine Behausung gesehen habe, konnte ich das gar nicht glauben, dass er da wirklich wohnt. Das war echt schlimm, er tat mir wirklich leid. Trotzdem macht er sich immer fein raus, trägt einen Anzug und einen Aktenkoffer, wenn er zur Arbeit geht.

Juan kommt aus Peru und hat seit 30 Jahren seine Familie nicht mehr gesehen. Ich schätze ihn so auf Mitte 40 oder 50. Früher hat er "ingeniera civil" (keine Ahnung, wie ich das übersetzen soll) und "Journalismus" studiert, konnte aber in beiden Berufen nicht lange arbeiten bzw. das Studium nicht abschließen.
Grund: seine politische Gesinnung passte nicht zu der von Pinochet's Regime. Er war zu dieser Zeit in der DDR im Exil und kann daher noch ein wenig Deutsch sprechen. Im Moment arbeitet er freiberuflich im Bereich von Druckereierzeugnissen. D.h. er hat eine Druckermaschine und stellt Drucke für T-Shirts usw. her. So habe ich das jedenfalls verstanden - das ist ja nicht immer so einfach.
Sein Ziel ist es im nächsten Jahr nach Deutschland zu reisen, um dort eine gute Druckermaschine zu kaufen. Ich habe mich auch gefragt: "Wie will der das bezahlen? Warum gerade in Deutschland?" Aber er hat mir gesagt: "Die deutschen Maschinen sind die Besten auf der Welt! Die halten ewig!" Und anscheinend hat er ziemlich viel Geld angespart, um diese Investition tätigen zu können. Naja, wenn man in so einer Hütte lebt, dann spart man auch Miete. (Klingt jetzt ziemlich sarkastisch, aber es ist ja so.)
Jedenfalls ist er echt ein kluger Kopf. Er liest gerne, spielt Schach und gibt Nachhilfe in Mathe. Da fragt man sich doch echt: Warum muss dieser Mensch dort leben? Das kann ich echt nicht verstehen.

Die Familie, die in dem Haus vor ihm wohnt, hat allerdings einen TV und einen DVD-Player. Das Wohnzimmer besteht jedoch nur aus alten, zusammengewürfelten Möbeln und es riecht feucht und muffig dort. Die Zimmer sind dunkel und um die Lichtschalter herum ist es schwarz vor Dreck. Merkwürdig. Warum haben alle "armen" Menschen immer den neuesten Stand der Technik? Das ist doch bei unseren Hartz IV- Empfängern auch so. Vielleicht fühlen sie sich, wenn sie diese Dinge haben, eher der Gesellschaft zugehörig- der Schicht, der sie eigentlich angehören möchten. Als ich der Frau von Lo Barnechea erzählt habe, konnte sie gar nicht verstehen, dass es mir da nicht gefallen hat. Sie sagt, sie träumt davon, eines Tages aus Cerro Navia verschwinden und da leben zu können.

Gestern hab ich ihn nach meiner Arbeit zu seiner Diplomübergabe begleitet. Er hat an einem Kurs der Uni für Mikrounternehmer teilgenommen "construyendo mis suenos" ("Konstruierung meiner Träume"). Dieser Kurs ist eine echt gute Sache. Er wurde von Studenten ins Leben gerufen. Die Teilnehmer müssen nichts bezahlen und bekommen von den Studenten und Professoren Background-Wissen im Bereich Rechnungswesen, Marketing und Geschäftsführung. Vier Monate lang einmal die Woche. Unter den Teilnehmern war auch eine blinde Frau aus Cerro Navia, die eine Massagepraxis aufgemacht hat. Sehr beeindruckend. Sie hat mir auch gleich ihre Visitenkarte gegeben und meinte, daß ich gerne zu ihr kommen kann, wenn ich gestresst bin. :)

Als ich am Montag bei der Arbeit erzählt habe, daß ich in Cerro Navia war, haben mich alle ganz erschrocken angesehen: "WO warst du?!?!" Um Gottes Willen! Peligroso! (Gefährlich!) - Ich bin da ja auch nicht alleine hingegangen- Juan hat mich ja von der Metro abgeholt und auch wieder hingebracht. Eigentlich hab ich mich da auch nicht unsicher gefühlt, muss ich sagen.