Sonntag, April 09, 2006

Der Tag begann so schön...

Der Tag hat heute eigentlich sehr schön begonnen. Ich habe ausgeschlafen, gefrühstückt, mit meinen Verwandten telefoniert und gegen 14.30h sind Alana und ich zur Plaza Italia gelaufen, um uns mit Janine und Pablo zu treffen. Schon auf dem Weg dorthin sind uns viele Jugendliche in Fussballtrikots aufgefallen, die einfach wild auf der Straße rannten und herumgrölten. Alana meinte: "Da ist heute bestimmt irgendein Fussball-Spiel." - Wir haben uns da nichts weiter bei gedacht.
Dann haben wir uns mit den anderen beiden getroffen, sind mit durch das Viertel Bellavista zum Cerro San Cristobal gelaufen und mit der "Funicular" (Seilbahnaufzug) und dem "Teleférico" (Seilbahn) über die Stadt geschwebt. Den Ausblick konnte ich wieder nicht so recht genießen. (Meine Höhenangst dürfte jetzt ja mittlerweile bekannt sein...) Jedenfalls sind wir dann durch einen botanischen Garten und einen leider sehr, sehr kleinen japanischen Garten spaziert und haben die Ruhe genossen. Auf dem Rückweg haben wir im Patio Bellavista eine Pizza in einem nachgemachten "Hard-Rock-Café" gegessen. War super lecker gewesen. Dann sind wir nach Hause gelaufen...
Schon als wir zur Plaza Italia zurückkamen, hatte ich ein das Gefühl:"Schnell weg hier!" Überall standen Polizisten mit Helmen und Schlagstöcken, gepanzerte Polizei-LKWs, es gab mit Gittern abgesperrte Bereiche...
Wir haben uns dann an der Metrostation von Janine verabschiedet und Alana und ich haben uns zu Fuss auf dem Weg nach Hause gemacht. Als wir in eine Seitenstrasse der Plaza Italia abbogen, kam uns eine größere Gruppe Jugendlicher in Fussball-Trikots entgegen. Die waren vielleicht so zwischen 12 und 18 Jahren alt. Man hat irgendwie gesehen, dass die nicht aus diesem Stadtteil stammten, sondern aus einer sozial ärmeren Schicht. Die hatten irgendwie was Kriminelles an sich. Ich dachte nur: " Ok, einfach gerade aus schnell und zügig weiterlaufen!" Die guckten uns auch schon so merkwürdig an. Ich hatte nur mit ein paar "üblichen" Bemerkungen gerechnet.
Dann drehte ich mich um und Alana rief mir etwas zu, was ich nicht verstanden hatte, und lief ziemlich schnell wieder zurück Richtung Plaza Italia. Einige Jugendlichen blickten auf dem Boden, als wenn sie etwas suchten und ein Mann meinte zu mir: "Hau ab! Es ist gefährlich hier!" Ich war total verwirrt. Mein Herz auf 180 und Alana war weg. Ich fragte den Mann, in welche Richtung ich gehen kann - welche sicher ist, aber der gab mir keine Antwort und meinte: "Nimm schnell ein Taxi und verschwinde von hier!" Ja, aber ich konnte ja schlecht ohne Alana fahren! Und ich wusste auch nicht, warum sie auf einmal weggerannt war und mich einfach so stehengelassen hat. Also bin ich in dieselbe Richtung wie sie gelaufen, um sie zu suchen. Aber es war nichts von ihr zu sehen.
Der Platz füllte sich immer mehr mit grölenden Fussball-Fans und ich bin einfach schnell in die Metro-Station gerannt und hab sie versucht auf dem Handy zu erreichen. Ich konnte sie schlecht verstehen, sie hatte dauernd was von Polizei geredet und dass sie nicht runterkommen kann. Ich hatte verstanden, dass die Eingänge von der Polizei versperrt wurden. Sie meinte: Ich solle nach Hause fahren- sie wird versuchen ein Taxi zu nehmen. Langsam wurde es auch immer unheimlicher, weil die Fans, als sie die Metro wechselten, total laut grölten und auf den Boden stampften usw. Ich hatte echt Schiß, dass sie auf mein Gleis kamen. Dann kam ein Glück die Metro und ich bin eine Station weiter weggefahren.
Dann musste ich allerdings noch drei Blocks laufen (den Weg, den ich jeden Tag zur Arbeit gehe). Es war aber echt unheimlich, denn der Ausgang zur Straße war verschlossen- nur der Eingang war auf (schon einmal ein schlechtes Zeichen) und ich war ganz allein und es liefen teilweise merkwürdige Gestalten da rum. Ich bin dann auf schnellstem Wege mit dauerndem Umschauen nach Hause. Auf dem letzten Stück bis nach Hause waren leider die Straßenlaternen kaputt. Es war nicht stockdunkel- ist ja auch eine größere Straße, aber es war echt unheimlich. Vor mir lief noch eine andere Frau, da war ich ganz froh. Denn es kam mir ein echt merkwürdiger Typ entgegen. Wie der mich angeguckt hat. Ich dachte echt nur: "Oh, Gott! Laß mich bloß in Ruhe!" Dem hätte ich alles zugetraut: dass er ein Messer zückt usw. Dann bin ich schnell in unseren Hausflur gerannt und hab wieder versucht Alana zu erreichen. Die war immer noch am Plaza Italia, aber sie klang ok, stand bei einem Polizisten und wollte sich ein Taxi nehmen. Man war ich froh, als sie zur Tür reinkam...
Dann erfuhr ich erst den Grund, warum sie auf einmal umgedreht war: einer der Jungs hatte ihre Kette (die ihr sehr viel bedeutet) vom Hals gerissen und sie ist dann hinterher, um sie wiederzubekommen. Die sind einfach weitergegangen, als wenn nichts wäre. Sie hat dann Polizisten herbeigerufen, um den Diebstahl zu melden bzw. ihre Kette wiederzubekommen.
Oh je... Nicht die feine englische Art mich da einfach stehen zu lassen, zumal ich überhaupt nicht wusste, warum sie einfach umgedreht war. Ich dachte, dass sie geflüchtet war, weil aus unserer Laufrichtung die Hooligans kamen... Jedenfalls hatte ich echt tierische Angst. Das war also mein erstes (und hoffentlich letztes) schlimmes Erlebnis in Chile. Eigentlich fühlte ich mich ganz sicher hier. Aber nun bin ich echt wieder vorsichtiger...
Von Andrea haben wir dann erfahren, was da überhaupt los war: die Fussball-Vereine "Colo Colo" und "Universidad de Chile" hatten heute ein wichtiges Spiel. Die Chilenen sind generell ziemlich Fussball-fanatisch und sehr aggressiv und emotional, wenn ihre Mannschaft nicht gewinnt. Beim letzten Spiel dieser Mannschaften kam es sogar soweit, dass ein Mann nach dem Spiel von einem Fan der gegnerischen Mannschaft erstochen wurde. Daher hat die Polizei heute mit extremen Ausschreitungen gerechnet (eine Revanche für den Mord)... Wenn man das nur vorher wüsste... Andrea meinte, dass ihr Cousin an solchen Tagen schon seinen Tagesablauf anders plant bzw. andere Straßen benutzt als sonst, weil es ein paar "markante" Gegenden gibt, wo es immer zu Ausschreitungen kommt. Und wir waren genau im Zentrum davon...
Jedenfalls bin ich froh, dass uns sonst nicht passiert ist. Alana tat es im Nachhinein auch total leid, dass sie mich da so stehen gelassen hat, aber das war einfach alles so plötzlich passiert...

Letztes Jahr wohnte ein Peruaner in dem Zimmer von Andrea. Er war auch unglücklicherweise gerade nach einem Fussball-Spiel an diesem Ort. Einige Typen sind dann auf ihn los und meinten: " Los! Bringt ihn um! Das ist ein Peruaner!" Echt krass! Die Chilenen sind meiner Meinung nach sehr ausländerfeindlich, wenn es um ihre direkten Nachbarn geht: Peruaner, Bolivianer und Argentinier. Außerdem haben die meisten eine schlechte Meinung von den Ureinwohnern Chiles, den Mapuche-Indiandern... Das ist mir schon bei Miguel, unserem Reit-Guide in Pucón, aufgefallen.

Das und andere Dinge fallen einem erst auf, wenn man sich länger in einem fremden Land aufhält und die "Urlaub-alles ist toll- Brille" abgelegt hat...